Ruderprominenz aus der Ukraine zu Gast im RaB

Mit Nina Umanets aus Kiew war am Himmelfahrtstag eine der erfolgreichsten Ruderinnen der ehemaligen Sowjetunion zum Rudern am Baldeneysee.

Vor einigen Wochen erfährt Jörg Hohendahl, selbst erfolgreicher Ruderer des RaB in den 1970er Jahre, dass Yaro, der Trainer im Schwimmverein seiner Frau, aus der Ukraine stammt und Spross einer Ruderfamilie ist. Den Wirren des russischen Angriffkrieges entronnen, leben seine Eltern inzwischen bei ihm in Bochum. Schnell ist die Idee einer gemeinsamen Ausfahrt im Vierer geboren und in die Tat umgesetzt.

Der Ruf einer Weltmeisterin im Achter ist Mutter Nina zwar schon vorausgeeilt. Und sie ist auch nicht zum ersten Mal am Baldeneysee. Wen wir da aber tatsächlich auf der sonnigen Terrasse des RaB sitzen haben, das kommt erst nach und nach heraus: Vize-Weltmeisterin 1977, 5 x Weltmeisterin 1978 - 1983, dazwischen Silber bei Olympia 1980 in Moskau, alles im Achter. Hier gekürzt, was Nina uns aus ihrem ganz und gar dem Sport gewidmeten Leben erzählt hat:

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf auf dem Land, ohne jeden Sport, aber mit viel harter körperlicher Arbeit, zieht Nina mit erst 16 Jahren nach Kiew. Dort will sie sich ihren Traum erfüllen, eines Tages zu studieren. Ein Jahr später, bei einem Spaziergang, spricht ein fremder Herr das groß gewachsene Mädchen mit der kräftigen Statur an und fragt, ob sie nicht bei ihm rudern möchte. Er ist der Rudertrainer des Kiewer Rudervereins Lokomotiw. Der hat sich vorgenommen, bei den Olympischen Spielen in Moskau den schnellsten Frauenachter der Welt an den Start zu schicken. Zwei Jahre später gehört Nina schon zur sowjetischen Nationalmannschaft und wird es bis zum Ende ihrer insgesamt 11 Jahre im Hochleistungssport bleiben. Mit 21 wird sie in Amsterdam Vizeweltmeisterin. Der Achter der UDSSR ist - wie auch in all den Folgejahren - nahezu vollständig mit Ruderinnen aus Kiew besetzt. Die meisten von ihnen - so wie Nina - von einem Trainer mit untrüglichen Gespür für Talente auf der Straße entdeckt. Neuseeland, die Länder in Westeuropa - auch Nina und ihre Ruderkameradinnen treibt das Privileg an, mit international konkurrenzfähigen Leistungen die für den normalen Sowjetbürger verschlossenen Grenzen zur Welt überschreiten zu dürfen.

Als inzwischen zweifache Weltmeister gelten  Nina & Co 1980 als Anwärterinnen auf die olympische Goldmedaille. Es sind die Boykott-Spiele von Moskau, denen die USA und viele weitere Nationen, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, aus Protest gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan fernbleiben. Nachdem ihr Boot vom Start weg mit mörderischer Schlagzahl und mehr als einer Länge vorne liegend den anderen Mannschaften davongerudert ist, geht das Rennen auf den letzten Metern an den Achter der DDR verloren, der in den beiden Vorjahren als Zweiter das Nachsehen gehabt hatte. Wer mit ansehen will, wie Ninas Achter bis 250 m vor dem Ziel unangefochten führt und dann unter den letzten Schlägen völlig überpaced  “stirbt”, der mag sich dieses Ruderdrama unter http://www.YouTube.com/Watch?v=zNCk_Fc5jQA antun. Er wird auch eine aus heutiger Sicht wenig ökonomisch wirkende Rudertechnik zu sehen bekommen, mit der die Ruderinnen mehr in die Auslage tauchen als rollen.

In den drei Folgejahren setzt der “ukrainische” Frauenachter der UDSSR seine vorolympische Siegesserie Jahr für Jahr fort. Mit dem WM-Titel 1983 in Duisburg ist für Nina Schluss. Vielleicht hätte sie 1984, dann bereits im Alter von 28, bei den Spielen von Los Angeles noch eine zweite Chance auf olympisches Gold gehabt. Nun aber revanchierten sich die UDSSR und andere Staaten des Ostblocks ihrerseits mit einem Olympia-Boykott. 

Nina schließt ihr Studium an der Sporthochschule in Kiew ab und arbeitet als Trainerin im Vereinsport, als Geschäftsführerin des Schulsportverbands und - nach der Familiengründung und einigen Jahren in der Wirtschaft - über mehr als 25 Jahre im Sportministerium. Nach dem Erfolg der blutigen Proteste des Euro-Maidan macht man die erfahrene Fachfrau zur stellvertretenden Sportministerin in der Übergangsregierung von 2014.

Heute ist Nina pensioniert. Ihr weit gespanntes Netzwerk und ihr organisatorisches Knowhow setzt sie nun von Deutschland aus ein, um Sportlern aus der Ukraine die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen zu ermöglichen. Sehr gefreut hat sich Nina über ein Exemplar der Festschrift “100 Jahre RaB”, die wir ihr mit einem herzlichen „dyakuyu“ (Dankeschön) für ihren Besuch und auch als Zeichen dafür übergeben haben, dass sie und die Ihren jederzeit wieder im RaB willkommen sind. 

Stephan von Petersdorff-Campen

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