Wo Schiffe die Berge hochfahren

| Wanderrudern

Acht RaB-Ruderinnen und Ruderer nahmen an einer Ruderwanderfahrt durch die Westmasuren in Polen teil.

Erfahrene Wanderruderer kennen sich aus mit Schleusen. Wäre es vor 150 Jahren am Elblag-Kanal in Polen (dem Oberländischen Kanal im ehemaligen Ostpreußen) nach den ursprünglichen Plänen gegangen, dann wären dort 32 Schleusen gebaut worden, um 104 Höhenmeter zu überwinden. Das wäre dann selbst für die ganz Hartgesottene wie Klaus Huth etwas zu viel geworden. So ist es ein Glück, dass den Ingenieuren damals eine andere Lösung einfiel, nämlich fünf sogenannte Rollberge, bei denen die Schiffe auf einer schrägen Ebene auf Schienen nach oben gezogen werden. Für uns Ruderer war es ein einmaliges Erlebnis. Am unteren Ende fährt man in einen im Wasser liegenden Wagen ein. Rechts und links gibt es Stege mit Geländern. Dann setzt sich der Wagen in Bewegung und fährt langsam aus dem Wasser heraus. Da die Anlage für größere Schiffe gebaut wurde, sinken die Boote immer tiefer, bis sie in ca. drei Meter Tiefe auf dem Holzboden des Wagens liegen bleiben. Dabei müssen sie von oben mit Skulls in der richtigen Position gehalten werden. Jetzt beginnt der gemütliche Teil, wenn der Wagen mit den Booten langsam den Berg hochfährt. Oben angekommen taucht der Wagen wieder ins Wasser, die Boote schwimmen, und man kann einsteigen. Es laufen immer zwei Wagen, die an einem Seil hängen, hoch und runter. Die Anlage wird durch Wasserkraft angetrieben. Ursprünglich diente der Kanal zum Holztransport. Heute ist er eine einmalige Touristenattraktion.

Die Rollberge waren nur ein Höhepunkt einer einwöchigen Wanderfahrt, die acht RaB-Ruderinnen und –Ruderer in die Westmasuren führte. Die Tour wurde vom polnischen Ruderkameraden Lukasz Kaczmarek organisiert, der schon viele RaB-Mitglieder auf die verschiedenen Gewässer Polens gelockt hat. Ausgangspunkt war Grudziadz (das ehemalige Graudenz) an der Weichel. Der aktuell niedrige Wasserstand zwang zu einem Zickzack-Kurs um zahlreiche Sandbänke. Am zweiten Tag bog die Strecke ab in die Nogat, einen ehemaligen Mündungsarm der Weichsel. Hier ging es vorbei an der Marienburg, einer gigantischen mittelalterlichen Burg, die im 13. Jahrhundert von den Rittern des Deutschen Ordens gebaut wurde. Jedenfalls ist es die größte noch erhaltene bzw. wiederaufgebaute Backsteinburg, wenn nicht überhaupt die größte mittelalterliche Burg in Europa. Ein Seitenkanal führte uns durchs Schilf nach Elblag (Elbing), wo wir von einer dort lebenden Schweizerin eine erstklassige Stadtführung erhielten. Landschaftlich wurde es immer schöner. Auf einem See ging es durch endlose Felder weiß blühender Seerosen mit einem Konzert von Fröschen und Wasservögeln. Jenseits der Rollberge folgten abwechselnd schmale Kanäle durch ursprüngliche Wälder oder große offene Seen. Nur einmal begann es während der ansonsten durchgehend sonnigen Tour zu gewittern. Zwei Vierer legten an einem Privatsteg an, wo wir von einer erst sehr verdutzten, dann aber äußerst freundlichen Dame in einem traumhaften Anwesen mit Tee empfangen wurden. Nach Ruhe und Einsamkeit sahen wir auf den letzten Kilometern vor dem Endpunkt der Tour in Ilawa (Deutsch Eylau) das moderne und wohlhabende Polen. Zahlreiche Motoryachten und Speedboote wühlten das Wasser auf, und an den Ufern sah man protzige, meist nicht besonders geschmackvolle Villen. Im letzten Hotel waren wir von einer Horde groß gewachsener Chinesinnen und Chinesen umgeben. Es handelte sich um die Kanu-Nationalmannschaft, die ein Trainingslager in Polen durchführte.

Es war wieder einmal eine vom Tourleiter Lukasz bestens organisierte Wanderfahrt. Mit vier Vierern und einem Dreier ruderte man jeden Tag in unterschiedlichen Besetzungen und lernte so auch die Mittruderinnen und –Ruderer aus anderen Vereinen kennen. Bei den Mahlzeiten hielt Lukasz Vorträge über die polnische Geschichte, die polnische Küche und Gott und die Welt. Das war manchmal etwas zu lang, aber immer lehrreich. Auch nächstes Jahr wird es voraussichtlich wieder sieben Fahrten durch Polen geben. Darüber kann man sich auf unserer Website unter Breitensport – Wanderrudern informieren und sollte sich dann rechtzeitig bei Lukasz melden, wenn das neue Programm voraussichtlich im November bekanntgegeben wird.

Helmut Janus

zurück